Matthi Bolte

für grün begeistern.

Bielefeld, Deine Baudezernenten!

An einem Tag wie diesem, an dem die Presselandschaft Raum für viele Kommentare bietet, fällt die Auswahl für ein Blogpost – Thema irgendwie schwer. Deshalb eine Vorbemerkung: Markus Kleinkes (für die nicht-BielefelderInnen: Kreisvorsitzender der CDU) mag sich „mit Schmackes an die Grüne Weiß geschmissen“ (Neue Westfälische) haben, aber daraus, dass er genug politische Kultur hat, mit der Konkurrentin seines Kandidaten respektvoll umzugehen, eine Schwarzgrüne Koalitionsaussage zu konstruieren, ist ziemlich wild. Auch unter KonkurrentInnen kann ein Umgang gepflegt werden, der über die Ignoriertaktik à la Clausen hinausgeht.

Dass heute vor 35 Jahren die Auseinandersetzung um die Ravensberger Spinnerei ihren Höhepunkt erreichte, war einer großen Tageszeitung in unserer Stadt einen gut gemachten und schönen Artikel wert. Einen Artikel sogar, der mir Mut gemacht hat, hat er doch gezeigt, dass Bielefeld mit seinen Baudezernenten schon vor Jahrzehnten nicht das ganz große Los gezogen hat, was nachhaltige Stadtplanung und Stadtentwicklung angeht.

Der größte Gegner des Erhalts des Fabrikschlosses war offenbar der Baubeigeordnete Jürgen Hotzan, mit tatkräftiger Unterstützung des SPD-Oberbürgermeisters Schwickert. Letztlich muss ich den beiden dankbar sein, war doch diese Auseinandersetzung eine der Keimzellen der Bunten Liste, die heute im Grünen Kreisverband aufgegangen ist. Natürlich ist es aber auch schön, diesen wundervollen Bildungs-, Lern- und Veranstaltungsort mittendrin in der Stadt nicht für eines der damals so beliebten überdimensionierten Straßenprojekte zu opfern (obwohl ich manchmal das Gefühl habe – Detmolder Straße und L712n lassen grüßen – dass diese überzogene Verkehrsplanung auch heute noch bei CDU und SPD beliebt ist).

Auch Florian Mausbach, heute beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, hat Spuren hinterlassen und sorgt noch heute dafür, dass manche kommunalpolitische KollegInnen rote Punkte im Gesicht kriegen. Ihm verdanken wir die doch irgendwie mittelprächtige Entwicklung rund um den Neumarkt, die wir heute mit dem Umzug der Stadtbibliothek ins Amerikahaus offensiv angehen.

Es scheint also ein gewisses Bedürfnis der Bielefelder Beigeordneten im Baubereich zu sein, sich ein Denkmal zu setzen. Was Gregor Moss noch vor sich hat. Ein heißer Anwärter dafür ist das Technische Dienstleistungszentrum (TDLZ): Im Grundsatz eine gute Idee, die wir auch teilen, nämlich Verwaltungseinheiten zusammenzubringen und an einem Ort in einem energetisch topfitten Verwaltungsgebäude den BürgerInnen Verwaltungsdienstleistungen im technischen Bereich anzubieten. Nun wäre Herr Moss wohl kein „richtiger“ Bielefelder Baudezernent, wenn die Sache keinen Haken hätte. Denn ganz im Stil der Kommunen, die sich mit solchen Geschäften ordentlich verspekuliert haben, und im liberalsten Sinne des Marktradikalismus, soll das TDLZ nicht als sozialistischer Eigenbau der Stadt realisiert werden, sondern als Public-Private-Partnership.

Eine wirklich gute Idee ist das nicht. Denn ganz abgesehen davon, dass die finanziellen Vorteile irgendwo zwischen begrenzt und gar nicht vorhanden sind, beruht das ganze auf Geschäften, deren Verträge eigentlich niemand so richtig versteht. Die Finanzkrise hat gewisse Anreize zu der Vermutung gesetzt, dass man sowas besser lassen sollte. Schließlich – und aus meiner Sicht ist dies das wichtigste Argument – wird dabei das örtliche Handwerk geschwächt. Gerade in Zeiten, in denen der Jobmotor Mittelstand existenzielle Probleme hat, kann das nicht gehen. Das sieht übrigens auch die Handwerkskammer auch so.

Wir arbeiten kontinuierlich daran, dass das TDLZ keine Investitionsruine wird. Aktuell ist unsere Ratsinitiative aus dem November (Antrag und Rede) in der parlamentarischen Beratung. Aller Voraussicht nach kommt sie im Februar wieder auf die Tagesordnung.

3 Kommentare »

  Helmut Hruby wrote @

Guten Morgen Herr Bolte,
Ihre Stellungnahmen zum technischen Rathaus habe ich mit großem Interesse gelesen. Mich überrascht aber, dass Sie als aktuelles „Denkmalprojekt“ des Beigeordneten Herrn Moss das TDLZ – aber mit keinem Wort den Hochschulcampus Lange Lage im Blick haben. Hier ist mittlerweile durch objektive Gutachten nachgewiesen, dass eklatante Verkehrsfolgen einfach ignoriert werden und die Planungen zum akuellen Verkehrsfluss nachweislich falsch angegeben wurden (Auf der Unistraße hat eine städt.Verkehrszählung bereits am 4.11.03 4.200 PKW statt der im B-plan-Gutachten angegebenen 1700 belegt!).Aber auch hier soll offensichtlich der Zweck die Mittel heiligen. Wegen der Duplizität der Ereignisse zeichnet sich ab, dass erneut die Keimzelle für eine neue politische Bewegung in Bielefeld gelegt wird.Diesmal will aber leider nicht die Grüne Bielefelder Ratsfraktion davon profitieren.Denn obwohl Sie bestens von mir informiert wurden, ignorieren Sie Fakten und wirken so an der Zerstörung von Natur und Umwelt aktiv mit.
Helmut Hruby Bürgerinitiative Lange Lage e.V.

  matthibolte wrote @

Lieber Herr Hruby,
zunächst herzlichen Dank für Ihren Kommentar, denn erst Kommentare machen ein Blog lebendig! Wahrscheinlich ist es auch den Eigenschaften dieses Mediums geschuldet, dass ich, wenn ich hier Einträge poste, die meine Gedanken beim Zeitunglesen ausdrücken, nicht jedes große Projekt in Bielefeld benenne.
Der Hochschulcampus auf der Langen Lage ist sicherlich ein Projekt, das nicht frei von Schwierigkeiten ist. Die Grüne Fraktion im Rat hat dieses Projekt intensiv und kontrovers diskutiert – denn wir bewegen uns dabei im Spannungsfeld zwischen unbestreitbaren Eingriffen in die Natur und Flächenverbrauch einerseits und einer Stärkung des Bildungsstandorts andererseits. Ich selbst habe mich in der Abstimmung über den Begrüßungsbeschluss im August 2006 im Rat der Stimme enthalten. Dennoch gibt es inzwischen innerhalb der Grünen in Bielefeld – sehr deutlich innerhalb der Parteibasis, aber auch in der Ratsfraktion – eine Mehrheit für den Weg, der mit der Erweiterung der Bielefelder Hochschulen auf der Langen Lage beschritten wird.
Die Frage der verkehrlichen Anbindung ist, da gebe ich Ihnen Recht, nicht abschließend gelöst. So ist beispielsweise die Linienführung der Stadtbahn – die ja am besten geeignet ist, den Individualverkehr zu begrenzen – nicht optimal, was wir an unterschiedlicher Stelle auch ganz deutlich gemacht haben. Gleiches gilt für die Gewährleistung der fußläufigen Verbindung von Stamm- und Erweiterungsgelände. Hinsichtlich des Individualverkehrs prüfen wir derzeit, welche Konsequenzen aus dem Verkehrsgutachten, das im Auftrag der BILL erstellt wurde, zu ziehen sind.
Unseren Anspruch, Flächenverbrauch zu begrenzen und Natur zu schützen, geben wir sicherlich nicht auf, sondern wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass die umliegende Kulturlandschaft geschützt und von Bebauung freigehalten wird. Ebenso wird es ohne Zweifel notwendig sein, für die innerstädtischen Flächen der Fachhochschulen, die durch die Konzentration auf der Langen Lage freiwerden, eine nachhaltige und sinnvolle Nutzung und Entwicklung zu gewährleisten.
Die Flächen auf der langen Lage sind meines Wissens seit mehreren Jahrzehnten als Erweiterungsflächen der Bielefelder Hochschulen vorgesehen. Hochschulpolitisch ist das Vorhaben einer Konzentration der Fachhochschulen und ihr engeres Zusammenwachsen mit der Universität auch zu begrüßen. Dies ist jedoch ein Prozess, der anwohnerInnenverträglich ausgestaltet werden muss, gleich an welchem Standort. Dafür werden wir uns weiter engagieren.

Herzliche Grüße
matthi Bolte

  Helmut Hruby wrote @

Lieber Herr Bolte,
vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.
Ihr Einleitungssatz, dass der Hochschulcampus ein Projekt sei, welches nicht frei von Schwierigkeiten ist, empfinde ich jedoch als Verharmlosung des Problems. Ich möchte hier ein weiteres Mal hervorheben, dass dieses Projekt den Bielefelder Westen, ja vielleicht den größten Teil der Stadt, negativ beeinflussen wird, wie kein Projekt der letzten 20-25 Jahre. Im Bielefelder Westen wird unnötig und unverantwortlich Flächenversiegelung und Vernichtung von Natur betrieben. Wertvolle Lebensräume von Menschen, Tieren und Pflanzen werden zerstört oder erheblich geschädigt. Die Verkehrsbelastung der näheren und weiteren Umgebung ist nur mangelhaft untersucht worden, Feststellung der Auswirkungen auf die Gesamtstadt sind vollkommen unterlassen worden. Feinstaub- und Lärmkartierungen sind rechtswidrig vernachlässigt worden. Weitere Brachen entstehen an den Stellen, die bisher von der FH in Bielefeld genutzt worden sind. Nachfolgenutzungen können bisher nicht benannt werden.
Kostenbelastungen des Bielefelder Kommunalhaushalts oder des Landeshaushalts sind bisher überhaupt nicht bekannt gemacht worden.

Sind dies Ziele grüner Kommunalpolitik ?

Die Liste der Negativauswirkungen ist hier sicher noch nicht vollständig. Und wofür dies alles ? Für eine angebliche Stärkung des Bildungsstandortes Bielefeld ?!

Betrachten wir doch einmal den Begrüßungsbeschluss aus dem August 2006. Ich zitiere wörtlich:

„Für diese Initiative gibt es verschiedene Anlässe und Gründe:
• die Ansiedlung eines Max-Planck-Instituts, um die Kooperation mit forschungsstarken Arbeitsgruppen der Universität zu intensivieren und Bielefeld als exzellenten Standort konkurrenzfähig zu halten (in Frage kommt z.B. ein Institut für Intelligente Systeme);
• die räumliche Konzentration der derzeit verstreut liegenden Fachbereiche der Fachhochschule sowie damit verbunden deutlich verbesserte Bedingungen für die Kooperation zwischen Fachhochschule und Universität;
• Erweiterungen durch Institute für biotechnologische Forschung, die Ansiedlung biotechnologischer Firmen als Ausgründungen sowie die Ansiedlung von Forschungs- und Entwicklungszentren in Feldern der Neurowissenschaften und Robotics (hier ist die Universität mit einer Weltfirma in Gesprächen);
• die Verschränkung dieser Vorhaben mit notwendigen Sanierungsmaßnahmen der vorhandenen Hochschulgebäude im Rahmen eines Gesamtsanierungskonzepts.“

Ende des Zitats.

Was ist übrig geblieben von diesem Begrüßungsbeschluss?

Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hat am 05.04.2007 mitgeteilt, „dass die Max-Planck-Gesellschaft derzeit keine Themen diskutiert, welche am Standort Bielefeld das notwendige wissenschaftliche Umfeld finden würde. Die Ansiedlung einer Max-Planck-Forschungseinrichtung in Ihrer Region ist somit nicht geplant.“ Professor Jäckle, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat am 12.02.08 im Radiointerview gesagt, dass die Max-Planck-Gesellschaft innerhalb Deutschlands keine neuen Institute gründen wird.

Ein Fraunhofer-Institut ist für Paderborn geplant und nicht für Bielefeld.

Die Gespräche mit einer „Weltfirma der Robotic“ sind glücklicherweise erfolgreich verlaufen. Ein Institut zur Weiterentwicklung des Honda-Roboters ist an der Uni Bielefeld bereits in Betrieb, ohne Neubau auf der Langen Lage.

Die Sanierung der Hochschulgebäude kann sicher nicht mehr warten, bis neue Gebäude auf der Langen Lage errichtet sind. Asbestsanierungen müssen drei Jahre nach ihrer Feststellung abgeschlossen sein.

Also, was bleibt?
• Die Konzentration der FH in einem neuen Gebäude, bei gleichzeitiger Verwahrlosung der bisherigen Gebäude.
• Die Ansiedlung biotechnologischer Firmen und anderer Ausgründungen.

Im Bebauungsplan sind knapp 10.000 m² Gewerbefläche ausgewiesen!

Lieber Herr Bolte, nehmen Sie’s mir nicht übel. Das Sie sich bei dem Begrüßungsbeschluss enthalten haben ist kein politisches Verdienst, keine mutige Entscheidung sondern ein der Parteiraison geschuldetes Verhalten.

Aber noch ist es nicht zu spät. Noch ist kein Bebauungsplan beschlossen. Ich biete gern ein Gespräch innerhalb Ihrer Ratsfraktion an, in dem ich die Liste der Fehler bei der Vernichtung der Langen Lage erläutere und mit Ihnen diskutiere.

Und nun noch mal zum Thema Ihres Forums „Bielefeld, Deine Baudezernenten !
Wie glaubwürdig ist denn der aktuelle Baudezernent der Stadt Bielefeld? Wie oft lässt der Rat der Stadt Bielefeld sich von ihm noch hinters Licht führen? Im Entwurf des Bebauungsplan im November 2008 sagt er: „Kosten für die Stadt Bielefeld aufgrund der vorgesehenen städtebaulichen Maßnahmen ergeben sich nicht.“ Um in der NW vom 15.01.2009 dann doch zu bekennen, dass für “die Anbindung des Hochschulcampus Lange Lage … Geld im Haushalt fehlt“.

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Herzliche Grüße
Helmut Hruby


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