Matthi Bolte
für grün begeistern.Archiv fürKreativ
Mal wieder ein Angriff auf die kreative Demokratie
Nach dem (mittlerweile) allseits unbeliebten Lutz Heilmann und der nicht weniger unbeliebten Deutschen Bahn fängt sich jetzt der Atomkonzern RWE den geballten Internetprotest ein. Was ist denn jetzt schon wieder los?, fragt sich geneigte Leserin, und findet folgende Geschichte: die saustarke Organisation urgewald hat eine Satirekampagne aufgelegt, mit der RWEs „Pro-Klima“ Angebot persifliert wird. Nachdem ich das mal genauer studiert habe, weiß ich zwar nicht, ob es tatsächlich noch Satire braucht, oder ob nicht langsam die kohlestaubdreckige Lüge vom klimafreundlichen Atomstrom satirisch genug ist. Aber wie auch immer: Für dieses

Motiv hat urgewald jetzt reichlich Zoff mit RWEs Werbeagentur. Das ist jetzt nicht mehr nur KundInnenbeschiss, sondern eine Attacke auf die Demokratie. Und dagegen sollte es Protest geben. Hier per Brief an den RWE-Vorstand, mit Bannern zum Einfügen auf Eurer Seite oder hier mit vielen weiteren Infos.
Das Ende war nah
Die Zeit der Jahresrückblicke ist zum Glück vorbei. Ich möchte meinen aber trotzdem gerne noch nachreichen, schon allein, weil mir dafür so nett ein Stöckchen entgegengeschmissen wurde.
1. zugenommen oder abgenommen?
bis zum Winter abgenommen. Gesamtbilanz etwa plusminusnull.
2. haare länger oder kürzer?
länger und hoffentlich diesen Sommer wieder in der passenden Länge für Norderoogdreads.
3. kurzsichtiger oder weitsichtiger?
hätte ich meinen Augenarzt gefragt, hätte sich meine Sehstärke vermutlich geändert.
4. mehr kohle oder weniger?
mehr im Geldbeutel, weniger auf dem Konto.
5. mehr ausgegeben oder weniger?
sinnvoller.
6. mehr bewegt oder weniger?
mehr. und Bewegung sowieso mehr.
7. der hirnrissigste plan?
Die Fahrt zur Demo nach Bonn, zu der es bei mir um halb zwei morgens losging.
8. die gefährlichste unternehmung?
morgens halb vier Arbeitsboote schieben.
9. der beste sex?
Was für einen Fragebogen fülle ich hier aus?
10. die teuerste anschaffung?
die hab ich eigentlich alle auf das nächste Jahr verschoben. Das teuerste war wohl der panische Einkauf bei Amazon vier Tage vor Abgabe der BA-Thesis.
11. das leckerste essen?
Der vegane Pfannkuchen bei Lena.
12. das beeindruckendste buch?
Die Mandarins von Paris.
13. der ergreifendste film?
Berlin am Meer. War kurz davor, nach diesem Film den Master in Berlin zu studieren.
14. die beste cd?
Schwierig, weil ich dieses Jahr eine ganze Reihe CDs gekauft, bzw. geschenkt bekommen habe. Von den geschenkten ist wohl „Sylt“ von Kettcar die beste, bzw. die, die genau in der passenden Situation mit den passenden Liedern die passenden Botschaften an mich getragen hat. Die drei CDs von Rise Against, die mich dieses Jahr auf unterschiedlichen Wegen erreichten, sind super, vor allem natürlich „Swing Life away“ wegen des Stücks und des dazugehörigen Abends. Ansonsten hat PJ Harvey mit „Good Fortune“ meinen diesjährigen Norderoogsong gemacht, die dazugehörige Platte ist „Stories from the City, Stories from the Sea“.
15. das schönste konzert?
das beim Buko vom Roskinski Quartett. Und Klaus der Geiger bei Planet Diversity.
16. die meiste zeit verbracht mit …
Uni und im Keller des Grünen Büros mit Pappmaschee spielen.
17. die schönste zeit verbracht mit …
puh. Was schreibt man auf solche Fragen, wenn die ganze Welt mitlesen kann? Ganz viel schöne Zeit mit Politik verbracht (ausführlich Strategiefragen erörtern, Großpuppen und -ärsche basteln, besonders bei ersterem Rotwein trinken), aber auch tolle persönliche Momente gehabt, z.B. mit Johanna, Ferdi, Grog und „Dem Morgenrot entgegen“.
18. vorherrschendes gefühl 2008?
Aufbruch
19. 2008 zum ersten mal getan?
bis morgens um sechs gearbeitet.
20. 2008 nach langer zeit wieder getan
Gute CDs gekauft.
21. drei dinge, auf die ich gut hätte verzichten können
die Note meiner BA-Thesis, Trennungszeiten, die viel zu lange Debatte um die Grüne OB-Kandidatur und das dazugehörige Gehampel der SPD.
22. die wichtigste sache, von der ich jemanden überzeugen wollte
Jugendkultur. In vielen Hinsichten.
23. das schönste geschenk, das ich jemandem gemacht habe
ich hoffe, die Beschenkten finden meine Geschenke sehr toll. Ich glaube, die schönsten Geschenke, die ich gemacht habe, sind (das erste) durch halb Europa und (das zweite) um die halbe Welt gereist.
24. das schönste geschenk, das mir jemand gemacht hat
ein Buch, mehrere CDs, viele liebe Worte. Und das T-Shirt der Bantam Mais Kampagne (und das gleich zweima…)
25. der schönste satz, den jemand zu mir gesagt hat
“ Danke für deinen Geist, bockig, trotzig und genervt zu reagieren, wenn jemand an der Machbarkeit von Dingen zweifelt“
26. der schönste satz, den ich zu jemandem gesagt habe
Liegt das nicht auch im Auge der Betrachterin? Ich hoffe, dass ich einige schöne Sätze hingekriegt habe.
27. 2008 war mit einem wort …
kreativ.
Freiheit für Wikipedia!
Richtig kreativ ist an diesem Wochenende Lutz Heilmann geworden. Wer das ist? Gut, bis heute kannte ich weder Mensch noch Namen, deshalb eine Kurzvorstellung. Heilmann ist MdB der Linken, ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi und angeblich (laut Berichten, er selbst bestreitet das) seit Oktober seine Immunität los, weil er seinen Ex per SMS bedroht haben soll. Darüberhinaus wurde behauptet, Heilmann betreibe einen Online-Sexshop.
Das ganze führt dazu, dass Heilmann mit der Unterstützung eines Gerichts dafür gesorgt hat, dass das Suchportal www.wikipedia.de (die eigentliche Wikipedia findet sich unter de.wikipedia.org) jetzt erst mal nicht mehr auf den Inhalt der Wikipedia verweisen darf. Er stört sich daran, dass in der Wikipedia diese Behauptungen und (sofern nachgewiesen) Tatsachen immer wieder eingearbeitet werden, obwohl sein Büro (oder sonst jemand, der/dem ein Bundestagscomputer zur Verfügung steht) diese Infos immer wieder fleißig löscht.
Mittlerweile formiert sich auch schon der Protest der Online-Gemeinde, z.B. in dieser Facebook-Gruppe. Wer sich direkt an Herrn Heilmann wenden möchte, kann ganz einfach eine Mail schreiben an lutz.heilmann@bundestag.de.
Übrigens: Herr Heilmann will nicht die Meinungsfreiheit einschränken!
X-tausendmal dagegen
Bei allem, was ich hier so an Pressemitteilungen, Anträgen, Anfragen und Reden ablege, kommen manchmal die Erlebnisse aus einem politischen Alltag zu kurz. Für diesen muss aber Zeit sein. Denn Samstag war der Tag. Für die Grüne Jugend Bielefeld der Tag, an dem wieder eine Großpuppe bei einer großen Demo an den Start ging. Für die Anti- AKW- Bewegung der Tag, an dem sich entscheiden sollte, ob man im Kampf gegen Atomkraft noch mobilisieren kann. Für die Grünen der Tag, an dem sie den Schulterschluss mit der Bewegung wiederfinden wollten. Kurzum: Für die Grüne Bewegung ein ganz großer Tag, dieser 8. November 2008. Und für mich das erste Mal, dass ich es nach Gorleben geschafft habe.
Ich bin immer noch (auch nachdem ich eine Busfahrt und eine Nacht über die Demo geschlafen habe) überwältigt. Das war phantastisch, denn wir haben am Samstag alle Erwartungen übertroffen. Nicht nur meine, die immer etwas pessimistisch sind, wenn es um Großdemos geht. Sondern auch die der Polizei, die mit „einigen tausend“ Menschen mehr als beim letzten Transport gerechnet hat, und – das war auch sichtbar – die der VeranstalterInnen im Wendland. 10.000 TeilnehmerInnen war angepeilt, dieses Ziel wurde, egal ob man die 14.500 von der Polizei oder die 16.000 der VeranstalterInnen nimmt, unglaublich gut übertroffen. Und es war friedlich, auch das ist ein Erfolg, für den vor allem die wendländische Tradition des gewaltfreien Widerstands verantwortlich ist.
Als wir um kurz nach 8 Uhr morgens mit der Grünen Jugend im Kreisverbandsbüro zusammenkamen, konnten wir das natürlich noch nicht ahnen. Bis 23 Uhr hatten wir am Vorabend an der Großpuppe gezimmert, und ob die Tragekonstruktion tragen würde wusste niemand. Wir wussten nichtmal, ob die Puppe in den Bus passen würde. Letztere Hürde war um 8.30 gemeistert und kurz darauf ging es schon los. Wie immer bei solchen grünen Touren war die Busfahrt von einer Mischung aus Klassenfahrtfeeling, politischer Diskussion (nicht nur über Energiepolitik, sondern auch über die BDK, Hessen, Grundeinkommen, Afghanistan) und dieser gespannten Vorfreude geprägt. Während wir so durch die Dörfer kurvten, manchmal noch eher an amische Gemeinden als einen Arbeiter- und Bauernstaat erinnert, verging die Zeit so schnell, dass bei unserer Ankunft die Auftaktkundgebung so gut wie vorbei war. Auch hier werden wieder einmal die Verhältnisse deutlich, denn die Hauptstraßen waren für die Polizei gesperrt, während tausende DemonstrantInnen sich den Weg zur Ausübung ihrer Grundrechte über die eben schon beschriebenen Feldwege bahnen mussten.
Die Auftaktkundgebung ist eher eine Party oder ein Dorffest. Was wir mitbekommen, sind die alten, aber richtigen, und in jüngster Zeit bestätigten Argumente. Dass es keine sichere Endlagerstätte gibt, daran haben wir schon lange geglaubt. Dass die Asse absäuft und Morsleben zusammenbricht, das hat uns bestätigt. Die Konsequenz ist klar: wir müssen raus aus dieser Lebensfeindlichen Wahnsinnstechnologie, die so oft und so schrecklich versagt hat, einsehen, dass wir sie nicht beherrschen können und niemals beherrschen werden. „Wie fliegen ohne Landebahn“ ist eine Formel, die ich in einem Grünen Artikel dafür aufgeschnappt habe.
„Ein Merkel – halb Mensch, halb Ferkel“ ist offensichtlich doch ein erklärungsbedürftiges Großpuppenmotiv. Es gibt sehr viel positive Kommentare und noch mehr begeisterte PhotographInnen. Einige wenige Rückmeldungen merken kritisch an, wie weit politischer Protest denn gehen soll. Dabei ist das Motiv im Ursprung gar nicht so beleidigend gemeint. Als wir bei der Grünen Jugend Bielefeld im AK Kreativ über das Puppenmotiv sprachen, war zunächst der Fisch mit drei Augen (ein bekannter Bewohner der Gewässer rund um Montgommery Burns’ Atomkraftwerk) im Gespräch. Den hat aber die Linksjugend schon auf irgendeinem Aufkleber. Dann kam Spaceballs dran, unser Hirn zu durchstürmen, und irgendwann wurde aus der Chewbacca- Parodie Waldi, dessen Rasse als „Möter- halb Mensch, halb Köter“ angegeben wird, eben „Merkel- halb Mensch, halb Ferkel“. Dieses Motto kann man aber politisch übersetzen: Merkel will Klimakanzlerin sein, sie will leben, wie es Menschen eben wollen, aber sie lässt an vielen Stellen den energiepolitischen Ferkeleien freien Lauf: Wer leben will, darf nicht auf lebensfeidnliche Technologien wie Atomkraft setzen. Wer leben will, darf keine Kohlekraftwerke eröffnen und darf nicht ständig den Energiekonzernen das Maul reden. So wie die Klimakanzlerin mit ihren Versprechen eingeknickt ist (und sich deshalb Bildungskanzlerin nennt und schon wieder scheitert), hielt leider auch die Großpuppe nur etwa die halbe Demostrecke durch. Sie hat aber vielen Menschen unbestreitbar viel Freude bereitet.
Die Demoroute verläuft vom Ortskern Gorleben etwa 3 Kilometer über eine schnurgerade und gut ausgebaute Straße durch den dunklen Kiefernwald zum Zwischenlager (rechts) und dem geplanten Endlager (links). Sambagruppen, Lautsprecherwagen mit Ton Steine Scherben und viele mobile KleinkünstlerInnen sorgen für gute Stimmung. Vor einer großen Gruppe PolizistInnen hat sich eine Theatergruppe aufgebaut, die mit ihrer Darbietung das Befehl- und Gehorsam- Spiel persifliert. Immer neue Durchsagen begeistern uns: Zuerst hören wir von 10.000 DemonstrantInnen, dann, dass der Zug seit Stunden an der deutsch- französischen Grenze steht und steht und stehen bleibt, und schließlich macht die magische 16.000 die Runde, eine TeilnehmerInnenzahl wie sie die Anti- Atom- Proteste seit Jahren (genauer: seit Jahrzehnten) nicht erlebt haben.
Die Polizei ist omnipräsent. Zwar ist die Straße frei, was beruhigend wirkt, aber sobald man wenige Meter in den umliegenden Wald schaut, stehen dort die Beamten in wenigen Metern Abstand und bilden fast die ganze Strecke entlang eine sichere Kette. Es wird uns symbolisiert: Macht, was ihr wollt, aber bleibt da, wo wir Euch haben wollen. Zumindest am Anfang der Strecke und natürlich am Ende, wo die Lagerstätten direkt an der Route liegen. Die Polizei demonstriert ihre Stärke, als wüsste keiner der Demonstrierenden, dass auch die Staatsgewalt mit 15.000 Leuten angereist ist. Aber – und dieses Kompliment muss ich machen – bei aller Präsenz sind die Beamten ruhig und entspannt. Alle, die ich während der Demo sehe, tragen ihre Helme in der Hand oder haben sie auf den Waldboden gelegt. Viele trinken Kaffee, rauchen oder beschäftigen sich vordringlich mit dem Inhalt ihrer weißen Verpflegungstüten statt mit der Demo. Vielen scheint klar zu sein, dass es ein besonderer Tag ist, denn ich sehe auch, dass sich Polizisten gegenseitig photographieren, um ihren Kindern eines Tages von diesem Einsatz erzählen zu können: Ja, ich war auch dabei. Solche Beobachtungen wirken beruhigend, auch wenn diese Masse an Sicherheitskräften bei vielen Menschen in der Demo eher Unbehagen auslöst.
Vielleicht einen Kilometer vor dem Ziel erreichen wir die Trekker. Bäuerlicher Protest ist das Spezialgebiet der Menschen im Wendland, soviel weiß ich aus den einschlägigen Medien. Aber was dort aufgefahren wird, überrascht mich. Hinsichtlich der Masse als erstes: 500 Traktoren aus dem ganzen Wendland stehen für die Demo Spalier und zeigen, dass es eben nicht nur verrückte Müslis sind, die hier demonstrieren, sondern auch Bäuerinnen und Bauern, die traditionell gänzlich unverdächtig sind, der Grünen Bewegung nahzustehen. Es wird enger und die Demo langsamer. Am Abzweig zum Versammlungsplatz ist dann Schluss. Es geht nicht mehr weiter, wir sind zuviele.
Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit, dass es sogar zuviele DemonstrantInnen sind, um pünktlich zur Schlusskundgebung zu kommen. So bleiben uns (inzwischen eine kleine Bezugsgruppe aus vier Versprengten der Grünen Jugend aus Bielefeld und Umgebung) noch drei Reden, in denen „wieder das gesagt wird, weshalb wir hier sind“, wie es ein Mitdemonstrant, der sich in unserer Ecke aufhält, ausdrückt. Ja, wir wissen, weshalb wir da sind. Wir wollen keinen Atommüll in Gorleben haben, wir wollen keine Atomkraft, die nur noch mehr Atommüll produziert und wir wollen nicht ständig mit einer Atomlobby konfrontiert sein, die keinen Versuch auslässt, ihr Wort zu brechen und ihre Schrottreaktoren weiterlaufen lassen will, weil sie für sie nicht mehr Energieproduzenten sind, sondern Gelddruckmaschinen. Noch weniger wollen wir eine CDU und eine FDP, die immer noch für Gorleben als Endlager sind, und die Atomenergie als Klimaschutz missverstehen.
Natürlich und zum großen Teil auch berechtigt gibt es Kritik an uns Grünen. Was von der Bühne kommt, klingt eher nach pauschaler Enttäuschung und nicht gerade differenziert. Im Lauf der Demo kommen wir aber auch mit Menschen in Gespräche, die mich bewegen. Dass wir uns lange Zeit nicht sehen lassen haben, kommt immer wieder. Stimmt. Vielleicht waren viele Grüne zu überzeugt, dass sich das alles mit dem Atomkonsens erledigt hätte. Dass der Atomkonsens ja auch nicht das ist, was sich viele in der Bewegung von einer Grünen Regierungsbeteiligung erhofft haben. Stimmt auch. Klar muss man in einer Regierung Kompromisse machen, aber ich hätte den Ausstieg auch gerne schneller gehabt. Natürlich gibt es auch für vieles weitere gute Contra-Argumente als Diskussionsgrundlage, aber hier in Gorleben mag ich sie nicht recht bringen. Viel zu beeindruckt bin ich von diesem Protest, der für die Menschen im Wendland seit 30 Jahren zum Leben gehört. Mir bleibt das Zuhören, zum Beispiel bei der Veteranin der frühen Proteste, die lange von uns enttäuscht war, und sich noch nicht recht sicher ist, was sie von dieser Grünen Mobilisierung halten soll. Denn Wahlkampf ist hier in Gorleben ein beliebter Vorwurf. Dass die Tagesthemen am Abend die Linke jetzt zur echten Antiatompartei machen, ist bizarrer Quatsch und eine völlige Fehlinterpretation dieses Tages. Denn bei allen Verstimmungen war es maßgeblich die Grüne Mobilisierung, dank derer sich das Wiedererstarken der Bewegung an diesem Tag manifestiert. Vielleicht stimmt aber ein Satz aus dem gleichen Bericht: „Die Grünen haben einiges wiedergutzumachen“.
Dennoch bleibt ein Vorwurf, gegen den wir uns von Anfang an versucht haben zu wehren, bestehen. Dass wir diese Bewegung für uns vereinnahmen wollen nämlich. Zwar ist es Konsens bei uns, dass wir das nicht wollen. Dies steht überall, wo es stehen kann, aber die Bilder sprechen einfach eine andere Sprache. Ich treffe kaum ParteifreundInnen, die nicht mit einer Fahne, einem Banner, einem Plakat oder sonstwas ausgestattet sind, auf dem unser Parteilogo vorkommt. Die Parteiprominenz ist auch da, gleich in Scharen sind die Spitzengrünen gekommen. Die wenigen Eindrücke, die ich von der ihnen erhasche, zeigen mir, dass auch sie sich noch nicht ganz sicher sind, warum sie eigentlich wieder dabei sind. Claudia Roth ist wie so oft betroffen und wirkt auch glaubwürdig dabei, die Fraktionsvorsitzenden aus dem Bundestag geben sich so wie sie sich am liebsten sehen: Renate Künast guckt entschlossen, Fritz Kuhn lächelt moderat. Nur Cem Özdemir hinterlässt bei mir den Eindruck, dass er nichts mit sich anzufangen weiß in diesem Umfeld, aber er schlägt sich wacker.
Es wird noch viel Arbeit sein, bis Grüne Bewegung und die Anti-AKW-Bewegung wieder zusammenfinden. Manches Porzellan wird nicht zu kitten sein, aber ich bin optimistisch, gerade weil an diesem Samstag ganz viele GorlebendebütantInnen wie ich bei den Protesten sind, für die es nicht nur um das Happening geht, und die auf die Frage „Wo wart ihr denn damals?!“ mit einem „in der Grundschule“ recht souverän antworten können, und zugleich sich auch bewusst über die Fehler der ersten Rot-Grünen Bundesregierung sind. Denn ganz ähnlich wie in der Friedenspolitik haben die Grünen die Erwartungen der Bewegung natürlich auch in der Energiepolitik enttäuscht. Das Dogma, unbedingt „Regierungsfähigkeit“ demonstrieren zu müssen, gibt es für die Zukunft nicht mehr. Und selbst wenn die jemand einfordert, muss man sie oder ihn nur auf die Sozis in Hessen verweisen. Sich aus inhaltlichen Gründen aus einer Regierung zurückzuziehen ist auch respektabel.
Ob dieser 8. November der historische Tag ist, den viele schon jetzt, da die Castoren immer noch am Verladekran herumstehen, in ihm sehen, weiß ich nicht. Wir haben als Grüne gezeigt, dass wir dabei sein werden. Wir haben gezeigt: Wenn der Filz aus Energieriesen, CDU und FDP uns zum Tanz auffordert, sind wir auf der Straße! Dieser wunderbare Geist macht sich innerhalb des Grünen Blocks breit. Als wir zurücklaufen, sehen wir einen Trecker mit „Yes we can“ auf der Schaufel. Diese Aufbruchstimmung geht von diesem Tag sicherlich aus. Alles andere müssen wir noch schaffen.
Feierabendbier auf der Rückfahrt, Diskutieren über die Themen von der Hinfahrt, die Demo, die Zukunft der Grünen in der Bewegung und die Bewegung. Wir sprechen auch über die Blockade, die sich überraschend schon an diesem Samstag Abend formiert hat, gerade als wir uns auf den Rückweg machten. Natürlich geht es auch darum, was nächstes Jahr kommt. Wahlkämpfe und vielleicht ein Regierungswechsel zum Beispiel. Wenn im November wieder der Castor rollt, werden wir wieder da sein, darüber ist sich der ganze Grüne Bus aus Bielefeld einig, jedenfalls alle, die sich nicht entschieden haben zu bleiben (und das ist von uns noch die Mehrheit). Denn im Kopf sind immer noch Madsen mit dem Soundtrack des heutigen Tages.
Zum Schluss nochmal der Stress mit dem Verpacken der Großpuppe. Falafel und Pommes zum Mitnehmen, bitte, und ab nach Hause.
Mit Kreativität für Biodiversität
Am vergangenen Pfingstmontag beteiligte sich die Grüne Jugend Bielefeld unter dem Motto „Good Food statt Gen-Food“ am der internationalen Demonstration „planet diversity – lokal, vielfältig, gentechnikfrei“. Im Gepäck: 6 Großpuppen aus aus Holz, Maschendraht und Pappmaschee, mit denen die Bielefelder AktivistInnen den Kampf zwischen gutem Bio-Mais und gentechnisch verändertem Mais darstellten.
Dieses fröhliche Puppentheater hat aber einen ernsten Hintergrund. Gentechnik in der Landwirtschaft ist mit nicht tolerierbaren Risiken verbunden: wenn gentechnisch verändertes Saatgut einmal ausgesetzt ist, kann seine Verbreitung praktisch nicht mehr gestoppt werden. Die Gefahren für die KonsumentInnen sind nach wie vor ungeklärt. Und schließlich bringt Gentechnik Hunger in die Welt, weil sie gerade die Landwirtinnen und Landwirte in den Ländern des Südens in eine noch stärkere Abhängigkeit von Agrarkonzernen zwingt. Anlass der Demonstration, an der ca. 6000 Menschen teilnahmen, ist die UN-Vertragsstaatenkonferenz (CBD) zur Biodiversität in diesen Tagen in Bonn, bei der viele wichtige Weichenstellungen zum kommerziellen Umgang mit Gentechnik in der Agrarwirtschaft vorgenommen werden sollen.
Beim Puppentheater gewinnt natürlich das gute Bio-Essen. Ob dies im echten Leben auch gelingt, hängt nicht zuletzt von den Verbraucherinnen und Verbrauchern ab.
Der nächste Auftritt der Großpuppen steht übrigens auch schon fest: am 7.6. haben die BielefelderInnen beim Carnival der Kulturen die Möglichkeit, das junggrüne Puppentheater zu bewundern.
Hier gibt’s die Fotos von Johannes Kaiser und Roland Lang (Vielen Dank!):













